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Was ein Abend im Biergarten mit Fruchtfliegen und der „Natur des Mannes“ zut tun hat

Aktualisiert: 27. Apr.

Es hätte so schön werden können. Die ersten warmen Sonnenstrahlen, eine Gruppe Freunde, die sich den Winter über nicht gesehen hatten, Leichtigkeit und ein wenig Übermut. Die perfekte Rezeptur für einen schönen Sommerabend im Biergarten. Es war schön und warm und vertraut und ich freute mich darauf, den Stress der Woche loszulassen und die Gemeinschaft zu genießen. Als einer meiner ältesten Freunde seinen Blick über die benachbarten Bierbänke schweifen ließ: "Ah, ist das herrlich. Da wird der Mann glücklich, wenn die Hüllen fallen und wir wieder den Anblick der ganzen Schönheiten genießen können."

Als einzige Frau am Tisch gibt es dann ein paar Möglichkeiten, zu reagieren. Du kannst bestätigend grinsen oder sagen: "Was für ein Schwachsinn!" oder auch: "Ja, das geht uns Frauen auch so." Sucht Euch aus, wie meine Reaktion ausfiel.


Puh, hätte ich das mal nicht gemacht. Sofort fielen Aussagen, wie: „Ach komm. Männer sind von Natur aus polygam.“ "Sei doch nicht so sensibel!" und „Frauen sind monogam. Das kann man nicht vergleichen."

Diese Aussagen wurden dann natürlich mit einem Verweis auf die Evolution begründet. Als wären sie unumstößliche biologische Wahrheiten. "Das ist biologisch bedingt, da sollten wir uns nichts vormachen. Man kann zwar rational versuchen, das zu kontrollieren, aber das ist nun mal ein biologischer Fakt."


Ich koche dann innerlich. Wenn mir Menschen, die ich eigentlich gerne mag, solche angeblichen Fakten erklären wollen.

Da fiel mir eine Geschichte ein, die uns unser Biologie-Dozent am Anfang meines Studiums erzählte. Sie war damals ganz aktuell und es ging darum, vorsichtig mit Schlussfolgerungen zu sein. Und ich begann, dem Mansplaining ein paar Fakten entgegen zu setzen.


Im Jahr 1948 veröffentlichte der Genetiker Angus John Bateman, angeregt durch Darwins Theorie aus dem 19. Jahrhundert, eine Studie zum Paarungsverhalten bei Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster).


Seine Schlussfolgerung:


  • Männchen profitieren davon, sich mit vielen Partnerinnen zu paaren

  • Weibchen haben kaum Vorteile durch mehrere Partner


Diese Idee wurde später als „Bateman-Prinzip“ bekannt und prägte über Jahrzehnte die Evolutionsbiologie – und darüber hinaus auch unser gesellschaftliches Verständnis von Geschlechterrollen.


Das Problem: Batemans Versuch fand unter stark vereinfachten Laborbedingungen statt:


  • kleine, künstliche Gefäße

  • hohe Populationsdichte

  • keine natürlichen Ausweichmöglichkeiten


Zudem arbeitete er mit genetischen Markern, die sich später als problematisch herausstellten: Einige Nachkommen wurden nicht korrekt erfasst, weil bestimmte Genkombinationen nicht sichtbar oder lebensfähig waren. Was die Ergebnisse natürlich systematisch verzerren kann.


Mehr als 60 Jahre später wurde Batemans Experiment erneut untersucht.

Eine Studie von Patricia Gowaty und Kolleg:innen versuchte, die Ergebnisse zu reproduzieren, mit moderneren Methoden.


Das Ergebnis:


  • Die ursprünglichen Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen konnten so nicht bestätigt werden

  • Der Zusammenhang zwischen Partnerzahl und Fortpflanzungserfolg war deutlich weniger eindeutig.


Das zeigt, wie vorsichtig wir sein müssen, wenn wir aus einzelnen Experimenten allgemeine Aussagen über „die Natur des Menschen“ ableiten. Abgesehen davon, dass ich es schwierig finde, von Insekten auf Säugetiere zu schließen. Aber das ist ein anderes Thema.


Heute gilt auf jeden Fall:

  • Sexualverhalten ist variabel und kontextabhängig

  • auch Weibchen haben oft mehrere Partner

  • biologische Strategien sind nicht einheitlich, sondern vielfältig


Nun, war ich nicht mehr die Sensible. Das saß. Und das sollte es auch.

Denn ich denke, die entscheidendere Frage ist nicht, was die Biologie angeblich aussagt, sondern, wie wir sie interpretieren.


Aus einem Experiment mit Fruchtfliegen wurde eine Erzählung über Männer und Frauen. Eine Erzählung, die bis heute nachwirkt. In Männerrunden, in Beziehungen, bei Gesprächen unter Jugendlichen. Bei der Überlegung, wer moralisch im Recht ist oder warum es für Männer angeblich so viel schwerer ist, sich zu kontrollieren. Die Natur ist selten so eindeutig, wie manche sie gerne hätten.


Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzusehen und diese Geschichten neu zu erzählen.




Originalstudie:

Bateman, A. J. (1948)

Intra-sexual selection in Drosophila


Replikationsstudien:


Snyder & Gowaty (2007)


Gowaty et al. (2012), PNAS

 
 
 

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